Kommentar: Gerüchteküche soziale Medien

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Terror in Paris: Gerüchteküche soziale Medien

Von Mika Beuster
Es gibt Dinge, die kann man nicht sofort begreifen. Warum es am Freitagabend in Paris so viel menschliches Leid geben musste etwa. Journalisten hatten eine schwierige Aufgabe: Es galt für Nachrichtenprofis, sich einen Überblick über die unübersichtliche Lage zu verschaffen, gesicherte Erkenntnisse von Gerüchten zu trennen und Nachrichten rasch und verständlich aufzubereiten. Ein verantwortungsvoller Job: Immerhin wird aus den Informationen auch politisches Handeln abgeleitet, können sie die Stimmung in der Bevölkerung beeinflussen. Wie verantwortungsloses Medienverhalten geht, hat sich derweil in sozialen Medien gezeigt.

Der Kurznachrichtendienst Twitter war beim Verbreiten von Informationen über den Terror in Paris oft schneller als traditionelle Medien. Eine Flut von Meldungen schwappte durchs Netz. Im Nachrichtenstrom trieben auch allerelei Falschmeldungen und gezielte Desinformation – die teilweise sogar von Politikern oder Medienprofis geteilt wurden. Eine gefährliche Melange.

Beispiele: Ein gefälschter Account der FDP wurde mittlerweile gelöscht, auf dem Hassparolen über Flüchtlinge verbreitet wurden, die in den Zusammenhang mit den Anschlägen gestellt wurden. Parteichef Christian Lindner hatte sich noch am Abend von den Äußerungen distanziert, die seiner Partei untergeschoben wurden. Dennoch erregten sich viele Twitter-Nutzer über die angebliche Haltung der Liberalen. Der außenpolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripour, schrieb sichtlich bewegt über die Geschehnisse in Paris und teilte auch Berichte über ein Feuer im Flüchtlingslager Calais am gleichen Abend, lange bevor es eine offizielle Bestätigung gab. Wie die Deutsche Presse Agentur dpa auf Nachfrage am Samstag recherchierte, gab es keinen Zusammenhang zu den Terrorakten in Paris. Die Stimmung im Netz aber kochte aufgrund solcher Berichte hoch: Der russische kremltreue Propagandasender „RT deutsch“ war einer der fleißigsten beim Verbreiten von Berichten über den Brand.
Gefährlich kann die Gerüchteküche in den sozialen Medien werden, wenn sie instrumentalisiert wird – gegen Flüchtlinge etwa. Wenn in Polen die neugewählte Regierung nun doch keine Flüchtlinge aufnehmen will, liegt das auch an einer aufgeheizten Stimmung im östlichen Nachbarland. Die Aufgabe von Journalisten ist es, Zusammenhänge zu erklären, objektive Analysen zu bieten, auch die von politischen Akteuren: Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), brachte etwa es am Sonntag auf den Punkt: „Viele Flüchtlinge in Paris fliehen vor genau den Terroristen, die in Paris das Massaker angerichtet haben. Brauchen jetzt Mut- statt Angstmacher“.
Manche deutsche Medien werden kritisiert, sie seien zu zögernd in die Berichterstattung eingestiegen. Udo Stiehl, Hörfunk-Sprecher beim Deutschlandfunk, antwortete auf Twitter auf solche Vorwürfe: „Liebe selbsternannte Medienexperten: Wir können nicht schneller berichten als wir recherchieren können. Gerüchte könnt Ihr hier lesen.“ Viele Qualitätsmedien in Deutschland – aber auch weltweit – haben indes gute Arbeit geleistet: Keine vorschnellen Äußerungen; erst prüfen, dann verbreiten. Das dauert, ist mit Arbeit und Knowhow verbunden. Die Geschehnisse in Paris haben gezeigt: Professioneller Journalismus und traditionelle Medien werden gebraucht. Verlässliche, nüchterne und einordnende Informationen, die aber nicht zynisch oder unempathisch aufbereitet werden, sind gerade in Krisenzeiten wichtig, damit sich die Öffentlichkeit ein Bild machen kann. Wer sich am Freitagabend nur über soziale Medien über die Geschehnisse in Paris informiert hat, lief Gefahr, ein recht schiefes Bild zu erhalten. Der neu gewählte Vorsitzende des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV), Frank Überall, fasste es so zusammen: „Nur Journalisten können das, was Journalisten können“.
Dabei gibt es nicht nur schwarz und weiß: Twitter und Facebook mögen als verlässliches Informationsmittel in Krisenzeiten nicht taugen, aber sie haben dennoch sehr vielen Menschen geholfen. Über Twitter etwa gab es Hilfe für in Paris gestrandete deutsche Fußballfans, die so eine Übernachtungsmöglichkeit bei französischen Familien erhielten. Facebook aktivierte eine Anwendung, über die Nutzer ihren Freunden mitteilen konnten, dass es ihnen gut geht.

Kommentar zum CDU-Europaparteitag

Merkel sollte ein Stück Macht abgeben

 Von Mika Beuster
http://www.mittelhessen.de/hessen+welt/standpunkt_artikel,-Merkel-sollte-ein-Stueck-Macht-abgeben-_arid,261814.html

Auf dem Europa-Parteitag der CDU in Berlin wird deutlich: Kanzlerin Angela Merkel dominiert nicht nur ihre Partei, sie ist auch die starke Frau in Europa. Das wird sich auch nicht ändern, wenn die Konservativen nach der Wahl am 25. Mai den Chef der EU-Kommission stellen. Und das ändert sich erst recht nicht durch den Spitzenkandidaten der CDU für den Europawahlkampf, David McAllister. Der überzeugte zwar in Berlin mit einem glaubwürdigen und persönlichen Bekenntnis zu Europa. Doch schon fast devot lobte er ebenso in seiner Bewerbungsrede die „kluge Sparpolitik“ von Kanzlerin Merkel und deren Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Nein, auch McAllister macht keine Anstalten, sich auf europäischer Ebene als Gegengewicht zur mächtigsten Frau in Europa – und vielleicht auf der Welt – etablieren zu wollen.

Bei allen Bekenntnissen zu Europa, die in Berlin zu hören waren: Der Parteitag zeigt letztlich vor allem, dass die Entscheider über die Zukunft der europäischen Einigung eben nicht in Europa, beim Parlament in Straßburg oder der Kommission in Brüssel zu finden sind. Das Schicksal Europas wird nicht von den Institutionen der EU bestimmt, die wahren Mächtigen in Europa sind die Regierungschefs, allen voran Angela Merkel. Ohne die Kanzlerin läuft nichts, daran wird auch ein vom Parlament gewählter Kommissionspräsident nichts ändern. Das ist der CDU bewusst. So gerät der Europa-Parteitag auch vielmehr zu einem Deutschland-Parteitag, bei dem nebenbei ein Spitzenkandidat zur Europawahl aufgestellt wird. Es ist klug, denn die Wähler werden wohl eher für die Politik der Bundesregierung Angela Merkels stimmen, wenn sie bei der CDU ihr Kreuz machen, als David McAllister im EU-Parlament stärken zu wollen. Meint die CDU, meint es Merkel aber wirklich ernst mit einem starken Europa, so gibt es nur einen konsequenten Schritt. Die Institutionen der EU müssen gestärkt werden, allen voran das Parlament. Nicht, um alle kleinen Dinge des Alltags zu regeln, da sollte sich die EU richtigerweise heraushalten. Aber um die großen Linien festzulegen, jenseits der Stimmung in den Nationalstaaten. Die bittere Pille dabei: Deutschland – und damit auch die Kanzlerin – muss dafür ein Stück Macht abgeben.